Die Packwagen
Die korrekte Farbe der Packwagen ist immer noch umstritten.Gut erdachte Hypothesen sind große Hilfsmittel für das Gedächtnis und leiten uns oft zu Entdeckungen. Aber ich meine, daß wir keine zu hastig aufgreifen sollen, bis wir die Einzelheiten sehr genau untersucht.
(John Locke, engl. Politiker, 1632 - 1704)
grau?
Wenn man die Experten fragt, dann kommt die Antwort "vermutlich grau", aber eine Quelle können sie auch nicht angeben. Möglicherweise führen die grauen Güterwagen der Sachsen und güterwagenartige Anstriche anderer Bahnen (braune Güterwagen und Packwagen in Preußen?) zu dieser Meinung.
Ich habe in meiner ganzen Literatur noch nicht ein einziges Foto eines grauen (d.h. auf einem SW-Foto ziemlich hellen) Packwagen gefunden. Da die Güterwagen mit ihrer Farbe aus gemischten Zügen hervorstechen, müsste grau eigentlich sichtbar sein. Wenn ich Packwagen als sächsisch identifizieren kann, dann sind sie jedoch dunkel.[z.B. Sachsenreport 6 S.5] Auf einer Fotovergrößerung im Dresdner Verkehrsmuseum sieht man einen Pw3 Sa 99 neben einem grauen Vierteklassewagen (später Civ Sa 94 oder ähnlich) mit Porzellanschild. Auch diese Personenzugpackwagen ist deutlich dunkler. Die Personenzugpackwagen hatten aber möglicherweise wieder eine andere Farbe.
grün oder braun?
Dunkles Grün und Braun wirkt auf Schwarzweißfotos nahezu gleich [vgl. Diener (PW) S.14f]. Für eine rationale Vorratshaltung wäre grün wie bei Loks und Postwagen naheliegend.
Am zweiachsigen Schmalspurpackwagen 1462 K (Gattung 753) in Oybin ergab eine Farbuntersuchung nach der grauen Grundierung / Spachtelmasse nur braune Farbschichten.[IVK-Zug S.6] Der untersuchte Wagen wurde 1889 in den eigenen Werkstätten der Staatsbahn gebaut, nicht an die private Zittau-Oybin-Jonsdorfer Eisenbahn geliefert.[Seku S.180] Zwischen 1920 und 1930 wurde der Wagen ausgemustert und als Schuppen genutzt.
Dazu kann man im Buch zum Bertsdorfer IV K-Zug nachlesen:Somit erhält der 974-112 die Farbgebung und Beschriftung, die baugleiche Fahrzeuge dieser Gattung bei ihrer Auslieferung an die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen trugen. Weiterhin orientierte man sich an Farbproben des zweiachsigen Gepäckwagens Gattung 753 in Oybin, welcher nur das Güterwagenbraun aufweist, was auf eine Zuordnung der Gepäckwagen zu den Güterwagen hinweist.[IVK-Zug S.6]
Die Güterwagen in Preußen und der ab 1910 eingeführten braunen Farbgebung des Staatsbahnwagenverbandes waren ausweislich zeitgenössischer Modelle im heutigen RAL 8012 "Rotbraun" lackiert.[Diener GW S.21-25] Ich finde es naheliegend, dass die K.Sächs.Sts.E.B. andernorts erprobte braune Güterwagenfarbe für ihre Packwagen kauften.
Die Anweisung des Maschinentechnischen Büro vom April 1921 an die Werkstätten:
..daß alle Personen- und Gepäckwagen den grünen Anstrich erhalten. Die in den Werkstätten vorhandenen braunen und grauen Farben sind aber zuvor aufzubrauchen. ... Die Schmalspurwagen sind vorerst davon ausgenommen.[Sächs. HStA Findbuch MtB Nr.30, zitiert in: Seku S.163]
deutet ebenfalls eine nichtgrüne Farbe der Packwagen an. Andernfalls hätte man sie nicht in dieser Form erwähnen müssen.
Eine interessante Theorie eröffnet das Verzeichnis der Eigentumsmerkmale an
Güterwagen von 1910, darin finden sich folgende Angaben:
Güterwagen: rotbraun mit weißen Anschriften
Eilgutwagen für Personenverkehr: grün mit gelben Anschriften
[GW-Archiv1 S.27][Diener(GW) S.20]
Eventuell gab es nach Einführung der Verbandsanschriften eine Zweiteilung in
1) Güter- und Schmalspurpackwagen wie Güterwagen rotbraun mit weißen Anschriften
2) Personenzugpackwagen grün mit gelben Anschriften.
Das ist sehr spekulativ - erklärt aber Werkfotos mit anscheinend gelben (d.h. dunkler als weißen) Anschriften (s.u.).
Gesichert erscheint momentan nur das Braun der obigen Untersuchung.
Anschriften
Zu den alten Anschriften vor 1910 gibt es nur wenige Fotos.
Ein Foto eines Pw vom Unfall bei Oberrothenbach am 20.Mai 1889 [Unfälle S.21]
lässt auf der rechten Wagenkastenhälfte die helle Aufschrift "K.Sächs.Sts.E.B." erahnen.
Auch ein Schmalspur-Zugbegleiterwagen in Oybin 1909 [Schmalspuralbum 3 S.126],
einer in Dippoldiswalde 1894/95 [Weißeritztalbahn S.133] und
einer in Burkhardswalde-Maxen 1910 [Schmalspuralbum 4 S.80, IVK-Buch S.141]
zeigen die schattierte Schrift der gedeckten Güterwagen (siehe dort).